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„Des is de Sharky, un des is de Willy.“ Liebevoller als von ihren eigenen Kindern und Enkeln schwärmt Gerda, die dickliche Endvierzigerin in breitem hessischem Dialekt am Pool sitzend über den Inhalt ihres Schwimmbeckens. Dabei befindet sich nicht der eigene Nachwuchs im Wasser. Nein, es sind nur Fische. Lieb? – Ja. Teuer – Auf jeden Fall. Aber für Außenstehende bleiben es eben nur Fische. Für die stets wachsende Zahl der Koi-Fans ist das anders. Nishikigoi, oder kurz nur Koi genannt sind japanische Edelkarpfen. Im Fernen Osten seit Jahrhunderten traditionell ein Symbol für Glück, Tapferkeit, Erfolg und ein langes Leben. Bei uns avancieren die schuppigen Viecher mehr und mehr zum Statussymbol. Einen Porsche oder ein Reitpferd haben inzwischen viele der Reichen und Neureichen. Aber einen Koi?„Rund 400.000 Euro schwimmen hier im Becken“, erklärt die Frau über den Nationalfisch der Japaner. Gar nicht zu viel, wenn man bedenkt, dass ein einziger absoluter Spitzenkoi bei Auktionen schon mal bis zu 250.000 Euro bringen kann. Und in ihrem Becken tummeln sich mindestens 40 bis 50 Exemplare. Ihre Verwandtschaft zu den Karpfen zeigt sich an den Barteln der Oberlippe, die sie auch dadurch von den Goldfischen unterscheidet. Der Koi heißt eigentlich Nishikigoi, Nishiki ist der japanische Ausdruck für ein auffällig gefärbtes Kleid, goi ist in Japan das Wort für Karpfen, also farbiger Karpfen Sie können eine Länge von bis zu einem Meter und ein Gewicht von maximal 20 Kilogramm erreichen. In unserem europäischen Klima ist eine Länge bis zu 80 Zentimetern schon sehr gut. Und falls die empfindlichen Tiere nicht vorher eingehen, haben sie eine stolze Lebenserwartung von rund 60 Jahren. Einfache Bauern entdeckten vor mehreren hundert Jahren in der Gegend von Yamakoshi einen roten Karpfen, der in einem Teich unter vielen anderen schwarzen Karpfen schwamm. Durch selektive Auswahl über all die Jahre gelang es den Züchtern, die uns heute bekannten 100 namentlich zu definierenden Varianten des Koi hervorzubringen. Sie heißen Utsuri, Ogon, Kohaku oder Sanke, Die Bezeichnungen sagen etwas über die Färbung aus, Kohaku bedeutet beispielsweise rot-weiß. Die Entwicklung der Koizucht in Japan ist der Grund dafür, dass die Sprache des Nishikigoi weltweit Japanisch ist. Japanisch werden nicht nur die verschiedenen Rassen benannt, sondern auch die verschiedenen Farben und Formen. Ende Mai, wenn die Brutzeit der Koi beginnt, keimt denn auch bei hiesigen Profis die Hoffnung auf, den ganz besonderen, einzigartigen Koi zu finden. Heutzutage werden sie nicht nur an ihrem Ursprungsort Niigata, sondern in ganz Japan und schwerpunktmäßig ebenfalls in Israel aufgezogen. Die hier zu Lande etwas preiswerter angebotenen Koi sind europäische Nachzüchtungen. Diese sind als junge Koi auch sehr hübsch, können aber mit zunehmenden Alter ihre wahre Herkunft nicht mehr verleugnen. Von ihren echten japanischen Artgenossen sind sie dann für Kenner leicht zu unterscheiden. Wie wertvoll die Fische ihren Besitzern sind, zeigt sich an den Bemühungen, sie auf jeden Fall am Leben zu erhalten. Manch abgeschobener Altvorderer würde sich über diese große Fürsorge freuen. Denn teure medizinische Behandlungen beim Spezialisten sind für die Wasserbewohner an der Tagesordnung. Das reicht von der Darmspiegelung bis zur Schönheits-OP bei Hautveränderungen. Mit der Zeit entwickeln viele Koi-Herrchen und –Frauchen gar eine innige Beziehung zu ihren Flossen-Freunden. „Kuscheln mit dem Koi gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen“, erklärt die opulente Dame, „die Haut ist überhaupt nicht glitschig, sie fühlt sich an wie Samt. Nuckeln an den Fingern ist auch großartig, der Koi hat nämlich keine Zähne.“ Bei diesen Vorzügen wundert es nicht, dass der Koi auf dem besten Wege zum weltweit beliebtesten Gartenteichfisch ist. „Wer erst einmal Feuer gefangen hat und sich näher mit den Fischen beschäftigt, wird schnell feststellen, dass der Koi zwar ein Fisch, aber eigentlich mehr ein Haustier ist“; meint Gerda, „sie werden handzahm wir ein Schoßhund, lassen sich streicheln und aus der Hand füttern.“ Was will der deutsche Tierfreund denn mehr? Der Koi kann nicht laut bellen wie ein Hund und auch nicht die Krallen ausfahren wie eine Katze. Für die Besitzer ist es ein Erlebnis, die exotischen Fische heranwachsen zu sehen. Natürlich gibt es für das Aussehen erstklassiger Kois Standards in Farbe, Zeichnung und Körperform. Danach richtet sich auch der Preis. Um diese Spitzen-Exemplare hierzulande anbieten zu können, fahren deutsche Händler mehrmals im Jahr nach Japan in die Niigata Region, um dort Züchter vor Ort zu besuchen und neue Tiere zu besorgen. Denn billiger Selfmade-Nachwuchs aus Deutschland verdirbt auf Dauer die Preise. Doch die Konkurrenz hier regelt das auf ihre Weise. Einige Züchter beklagen sogar eine Art von Koi-Mafia, die gegen Dumping-Anbieter angeblich schon mal mit vergiftetem Futter in den Mitbewerber-Teichen vorgeht. Vor Ausstellungen sollen skrupellose Händler ihre Fische wochenlang nicht mehr füttern und nur noch mit Medikamenten gegen Parasiten behandeln. Doch von diesen Machenschaften wollen die wahren Edelkarpfen-Anhänger nichts wissen. „Meine Tiere sollen sich wohlfühlen“, beteuert Gerda. Dabei hält sie ihre Hand in den Pool und die Kois mampfen das Edelfutter, Paste und kleine Kügelchen. Für sie ist das selbstverständlich. Immerhin ist der morgendliche Snack teurer als Frauchens Sektfrühstück. © Harry Haller
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