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Ich hatte mal einen Job in Brandenburg. Eine eigene Zeitung zu besitzen und zu machen hört sich ziemlich gut an. Leider war es nur viel Arbeit (18-Stunden-Tage), viel Stress (18-Stunden-Tage) und keine Knete (trotz 18-Stunden-Tagen). Statt dessen mussten mein Kompagnon und ich noch Kohle mitbringen. Jeden Monat machten wir mindestens 20.000 Miese. Zu diesen ganzen unerfreulichen Begleiterscheinungen gehörte auch die rund 40 Kilometer weite Anfahrt ins Umland. Jeden Morgen kurz nach acht, ob Werktag, Sonn- oder Feiertag, fuhr ich mit dem Auto los. So auch an einem trüben Novembertag, ich glaube es war Buß- und Bettag oder Totensonntag. Wolkenverhangener Himmel, graue Autos in grauer Landschaft vor grauem Hintergrund. Im Jahr 2 nach dem Ende der DDR war der Zustand der Ostrepublik besonders beklagenswert. Die jahrzehntelange Misswirtschaft ohne Material und Ersatzteile waren dem Land anzusehen. Die Straßen, die Häuser und sogar die Menschen passten sich der grauen Umgebung nahtlos an. Ich fuhr also entlang einer dieser typischen brandenburgischen Alleen mit dem Ziel Verlag. Der Tag und damit die Helligkeit hatten sich erst vor kurzem gezeigt, für die Witterungsverhältnisse war es dennoch hell. Von einer Bundesstraße bog ich nach rechts in eine weitere, graue Straße ein. Sie zog sich nach einem flachen Teilstück nicht steil aber stetig eine kleine Anhöhe hinauf. Rechts und links waren Bäume, die Sicht war eigentlich ganz gut. Die Nadel des Tachos zeigte knapp 110 km/h. Im Radio liefen gerade die „Happy Mondays“, eine Band aus den Anfängen der 90er. Habe schon seit langem nichts mehr von ihnen gehört. Eigentlich funktionierte alles ganz gut und normal. Mich wunderte nur, dass oben auf der Kuppe des Hügels ein Auto wie verrückt die Lichthupe betätigte. Es war mindestens 300 Meter weit entfernt und zwischen ihm und mir waren keine anderen Fahrzeuge zu sehen. Trotzdem zog mich dieses blinkende Licht für einige Zeit in seinen Bann, ich musste in seine Richtung schauen. Da war es schon zu spät. Unvermittelt tauchten vor mir sechs Rehe auf, die als Gruppe versuchten, von einem Feld zum nächsten zu gelangen. Pech für alle Beteiligten: Die Straße, auf der ich dahinrauschte, durchkreuzte genau diese beiden Acker. Zeit zum Bremsen blieb überhaupt nicht. Ein letzter, verzweifelter Versuch auszuweichen schlug ebenfalls fehl. Wenigstens waren fünf durchgekommen. Das sechste Reh erwischte ich gerade noch vorn rechts mit der Stoßstange. Es gab einen dumpfen Knall und das Vieh hob ab. Anders als Wildschweine, die wegen ihres hohen Gewichts und niedrigen Schwerpunktes am Boden bleiben, segelte das Reh in hohem Bogen durch die Luft. Ich sehe es noch heute vor meinem geistigen Auge, wie das Tier sich während des Flugs um 270 Grad drehte und genau mit dem Rücken zuvorderst auf die Windschutzscheibe zuraste. Dann machte es „Krrkk“ und das Verbundglas änderte von einem Moment zum nächsten seine Durchsichtigkeit. Inzwischen hatte ich voll gebremst. Als der Wagen zum Stehen kam, war der Bock bereits über Scheibe und Dach gerast und hinter dem Kombi auf die Straße geknallt. In der vorderen Autoscheibe war eine Delle, die sich bis auf fünf Zentimeter vor meine Nase geschoben hatte. Unverletzt aber ein wenig benommen stieg ich aus. Mittlerweile hatte sich das Auto vom Hügel aus bis zur Unfallstelle von der anderen Seite her genähert. Ein älteres Berliner Ehepaar, beide so um die Mitte 50, entstiegen dem Audi. Ohne mich oder mein kaputtes Auto nur eines Blickes zu würdigen gingen sie an uns vorbei zu dem verletzen Reh. Es lag auf der Seite, Blut lief aus seinem Maul. „Das arme Tier“, stellte die Frau fest. Womit sie sicher Recht hatte. Wie es mir ging, schien niemanden wirklich zu interessieren. Schon okay, schließlich floss mir ja kein Blut aus dem Mund. Ich hielt das erste Auto an, das vorbeifuhr. Es war ein alter Trabbi mit einem Ostler, den ich bat, im nächsten Ort den Förster zu verständigen und vorbeizuschicken. Das dauerte nicht sehr lange, vielleicht 15 oder 20 Minuten. Die Zeit kam mir nur so lang vor, weil das Ehepaar mich ohne Unterbrechung zuquatschte. Warum ich das getan hatte? Ob ich die Rehe nicht gesehen hatte? Was ich gedenke, für den armen Rehbock nun zu tun? Dann kam der Förster in einem Nissan-Patrol, Sondermodell mit kleiner Ladefläche. Er hatte einen Helfer mitgebracht. Nach kurzer Klärung, was passiert war, ging er zu dem Reh und warf darauf einen Blick. „In Ordnung“, meinte er, „dem ist nicht mehr zu helfen.“ Was das bedeutete, sollte ich direkt danach erfahren. Er holte ein Messer hervor, die Klinge war nicht größer als bei einem kleinen Obstmesser, und er kniete sich neben das Reh. Meine Neugier war zu groß, ich musste wissen, was der Förster als nächstes tat. Also folgte ich ihm und schaute über seine Schulter. Beinahe behutsam drückte der Mann den Kopf des Tieres auf den Boden. Dann setzte er das Messer direkt unter dem Ohr an und stach kurz zu. Bis dahin war die Aktion auch für mich verständlich. Das Vieh sollte von seinen Leiden erlöst werden. Doch dann ging alles sehr schnell. Kaum hatte er zugestochen und das Messer genauso schnell wieder herausgezogen, nahm er das leblose Tier und warf es auf den Rücken. Im selben Moment setzte er das Messer am Unterleib an und schlitzte es vom After bis zum Hals auf. Dann drückte er den geöffneten Körper links und rechts auf den Boden, um mit einem gekonnten Handgriff den freigelegten Schlund zu packen. Der Förster riss dem noch warmen Vieh die Eingeweide raus. Samt Zunge und allem, was bis zu den Gedärmen ihr folgt, warf er die Innereien in hohem Bogen auf den Acker. „Das holen sich die anderen Tiere“, erklärte er knapp, „den Rest lassen wir ausbluten. Ich komme in zwei Stunden und hole den Kadaver ab.“ Ich war ein wenig sprachlos, ob der ganzen Aktion und der Geschwindigkeit, mit der sie ablief. Das Berliner Ehepaar hatte sich inzwischen ausgeblendet. Die Tierfreunde waren nicht auf ihre Kosten gekommen. Nachdem der Eingriff abgeschlossen war, verschwand der Förster ebenso schnell wie er aufgetaucht war. Und die Berliner Atzes hatten auch genug gesehen. Sie waren ebenfalls verschwunden. Nun stand ich alleine da. Hinter meinem Auto auf dem Acker der Rest eines toten Rehs, neben mir ein zwar fahrbereites aber ziemlich lädiertes Fahrzeug. Durch die Scheibe war nichts mehr zu erkennen. Da blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Kopf durch die offene Seitenscheibe zu stecken und trotz Kälte so weiterzufahren. Die Versicherung machte übrigens im nachhinein noch richtig Stress. Ihnen würden jedes Jahr Tausende von Wildunfällen gemeldet. Meist hätte der Fahrer ohne äußere Einflüsse einen Fehler gemacht und wolle seine Unzulänglichkeit auf die Versicherung abwälzen. Aber ich hatte ja den Förster. Und an der Windschutzscheibe zwischen Glas und Einfassung hingen prima Haare. Die überzeugten sogar die Versicherung.© Harry Haller
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